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Zum Wegwerfen zu schade!


01.05.2005

Quelle: ELTERN

Stammzellbanken werben dafür, Blut aus der Nabelschnur zu spenden. Kommerzielle Anbieter empfehlen die private Einlagerung. Welche Lösung ist besser?


Stammzellen

Und was machen Sie mit Ihrem Nabelschnurblut? Diese Frage begegnet werdenden Eltern immer häufiger - beim Frauenarzt, auf der Infoveranstaltung der Entbindungsklinik, in Zeitungsannoncen: "Wollen Sie es nicht einfrieren lassen und für Ihr Kind reservieren?"

Früher verschwand die Nabelschnur im Krankenhausmüll, heute interessiert sich die Wissenschaft dafür. Denn die Versorgungsleitung zwischen Mutter und Kind enthält eine wertvolle Flüssigkeit: Plazenta-Restblut, das sich sehr gut als Rohstoff für Therapie und Forschung zu eignen scheint.

Kein Wunder also, dass schwangere Frauen in vielen Kliniken gefragt werden, ob sie dieses Geschenk der Natur nicht der AllIgemeinheit spenden wollen. Kein Wunder auch, dass private Firmen anbieten, die Substanz gegen eine nicht unbeträchtliche Gebühr für das eigene Kind einzufrieren.

Leider durchschaut man als medizinischer Laie nur schwer, wo sinnvolle Gesundheitsvorsorge aufhört und unsinnige Investitionen beginnen. Mit der Beantwortung folgender Fragen versuchen wir, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

WARUM SIND ALLE SO WILD AUF NABELSCHNURBLUT?
Das Blut, das nach der Entbindung in der Nabelschnur zurückbleibt, enthält wertvolle Stammzellen. Man kann sie schon heute zur Behandlung schwerer Erkrankungen wie Leukämie, bestimmter Immundefekte oder Stoffwechselerkrankungen einsetzen. Diese Plazenta-Restblut-Stammzellen werden in den kranken Organismus transplantiert und sind dort in der Lage, Blutbildung und Immunsystem zu erneuern.

Gegenüber den Stammzellen aus Knochenmark haben sie einige Vorteile: Die Entnahme ist risikolos. Sie sind schnell verfügbar. Das Nabelschnurblut ist weitgehend frei von Viren, und die Stammzellen sind besser verträglich als solche von Erwachsenen. Nachteil: Die Menge der Zellen aus einer Spende ist begrenzt, die Behandlungsmöglichkeiten bei Menschen über 40 Kilogramm zurzeit noch eingeschränkt.

Was Ärzte und Forscher jedoch besonders fasziniert: Ähnlich wie embryonale Stammzellen sind die aus dem Nabelschnurblut noch flexibel und undifferenziert, sie können zu verschiedensten Zelltypen heranreifen und so unterschiedliche Organe oder Gewebe ausbilden. Hier tun sich also ähnliche Chancen auf wie bei der Forschung mit Stammzellen aus menschlichen Embryonen - ohne dass moralische Bedenken nötig wären.

WIE WIRD DAS BLUT ENTNOMMEN UND GELAGERT?
Nachdem das Kind abgenabelt ist, punktieren speziell geschulte Ärzte bzw. Hebammen die Nabelschnur und fangen das Plazenta-Restblut in einem Sammelbeutel auf Das ist für Mutter und Kind völlig schmerz- und gefahrlos. Noch am gleichen Tag kommt das Blut in ein Labor, wo es aufbereitet und tiefgefroren wird. Das fertige Transplantat lagert in flüssigem Stickstoff mit einer Temperatur zwischen minus 170 und minus 200 Grad.

Vor dem Tieffrieren werden alle Präparate daraufhin untersucht, ob sie bakteriell verunreinigt sind und ob eine ausreichende Zahl von Stammzel1en vorhanden ist. Da die Zelldosis oftmals zu gering ist, verwenden die öffentlichen Blutbanken nach eigenen Angaben nur 50 bis 70 Prozent aller Spenden.

WAS PASSIERT MIT DEM BLUT, WENN WIR AN EINE NABELSCHNURBLUT-BANK SPENDEN?
Wenn Sie das Nabelschnurblut Ihres Kindes einer öffentlichen Spenderbank überlassen, steht es - bei Bedarf-kranken Menschen weltweit zur Verfügung. Doch noch bietet nicht jede Entbindungsklinik diese Möglichkeit an. Zurzeit sind es etwa 70 Häuser, die mit einer der fünf Nabelschnurblut-Banken in Deutschland zusammenarbeiten. Deren Adressen erfahren Sie bei den Spenderbanken. Den Eltern entstehen durch ihre Spende keinerlei Kosten. Allerdings haben sie später auch keinen Anspruch mehr auf das Nabelschnurblut ihres Kindes. Sie können jedoch bei medizinischer Notwendigkeit "ihr" Transplantat bei der Spenderbank anfordern und haben - wie andere Suchende auch - die Chance, es zu bekommen, falls es noch verfügbar ist.

UND WAS GESCHIEHT, WENN WIR UNS FÜR DIE PRIVATE EINLAGERUNG ENTSCHEIDEN?
Anders als bei einer öffentlichen Spenderbank haben die Eltern hier jederzeit Anspruch auf das Nabelschnurblut-Präparat ihres Kindes. Solange das Kind minderjährig ist, liegt die Verfügungsgewalt bei Mutter und Vater, danach bei dem erwachsenen Kind. Die meisten privaten Blutbanken bieten Eltern - anders als öffentliche Spenderbanken - die Entnahme in jeder Entbindungsklinik an. Je nach Anbieter werden zwischen 1500 und 2100 Euro fällig - für Entnahme, Aufbereitung, Konservierung und 20 Jahre Lagerung. Aus Versicherungsgründen können keine Verträge über einen längeren Zeitraum angeboten werden. Später ist jedoch eine Verlängerung gegen Aufpreis möglich.

DÜRFEN PRIVATE BLUTRESERVEN NUR AN DAS KIND ODER AUCH AN VERWANDTE ABGEGEBEN WERDEN?
Da sich unter Verwandten eine große Gewebeübereinstimmung findet, kann es in bestimmten Fällen sinnvoll sein, für einen Angehörigen Nabelschnurblut zu sammeln. Ist in der Familie zum Beispiel ein Geschwister bereits erkrankt, können die Eltern das Plazenta-Restblut des neugeborenen für dieses Kind spenden. Solche so genannten gerichteten Spenden sind bei öffentlichen wie auch bei privaten Blutbanken möglich.

Abgesehen von der gerichteten Spende stehen Eigenblutreserven nur dem Kind zur Verfügung, aus dessen Nabelschnur es entnommen wurde. Für eine Weitergabe an Dritte - auch wenn es Verwandte sind - haben die privaten Blutbanken keine Zulassung (sie wird vom Paul-Ehrlich-Institut, dem zuständigen Bundesamt für Sera und Impfstoffe vergeben). Diese Erlaubnis wurde allerdings von allen beantragt. Augenblicklich können nur die Spenderbanken in Düsseldorf, Mannheim und Erlangen die Zulassung vorweisen.

IST ES SINNVOLL, NABELSCHNUR-STAMMZELLEN FÜR DEN EIGENBEDARF ZU RESERVIEREN?
Eine große Zahl von Medizinern sagt: Nein. Bei der Behandlung von Leukämie, der häufigsten Krebserkrankung bei Kindern, kommen fast nur so genannte allogene (fremde) Spenden zum Einsatz - erstens, weil im eigenen Blut die genetische Veranlagung der Krebskrankheit bereits vorhanden sein kann. Zweitens, weil gerade die Zellen eines fremden Immunsystems bei der Heilung dieser Krankheit häufig besser helfen.

Das eigene Nabelschnurblut kann allenfalls bei extrem seltenen Sonderformen der aplastischen Anämie, einer Blutbildungserkrankung, helfen, so Privatdozent Dr. Rupert Handgretinger von der Universitäts-Kinderklinik Tübingen. Im Ausland wurde diese Therapie bislang erst in einigen wenigen Fällen angewandt.

Und die Bundesärztekammer schreibt in ihren Richtlinien: "Für die Aufbewahrung von Nabelschnurblutpräparaten zur späteren Eigenbehandlung ist zurzeit keine medizinische Indikation bekannt; sie ist daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht notwendig."

"Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind seine Zellen jemals selbst brauchen wird, ist so klein, dass es sich nicht lohnt, sie für den Eigenbedarf wegzufrieren", zitiert das Deutsche Ärzteblatt Professor Anthony Ho von der Universität Heidelberg. In der gleichen Ausgabe kommt allerdings auch der US-amerikanische Genomforscher Professor Donald Orlic zu Wort. Er hält es nicht für völlig unsinnig. Nabelschnurblut zur Eigenverwendung zu konservieren: "Wer weiß, was in zehn oder 20 Jahren mit Stammzellen aus Nabelschnurblut oder Knochenmark möglich sein wird."

PRIVATES EINLAGERN IST TEUER - STECKT GESCHÄFTEMACHEREI DAHINTER?
Tatsächlich sind Herstellung und Aufbewahrung der Blutkonserven kostenintensiv - vor allem. wenn das Blut in Deutschland mit seinen strengen Arzneimittelgesetzen aufbereitet und gelagert wird. Die Preise von teilweise über 2000 Euro kann man den Privaten also nur schwer vorwerfen, ebenso wenig wie man den öffentlichen Blutbanken vorwerfen sollte, dass sie einige ihrer Präparate zu Forschungszwecken für viel Geld verkaufen.

Die Hauptkritik entzündet sich an etwas anderem: Verbraucherschützer und öffentliche Spenderbanken werfen den Privatanbietern vor, mit ihrer Werbung Eltern zu verunsichern. Formulierungen wie "Nabelschnurblut ist unersetzlich" suggerierten Müttern und Vätern: Wer seinem Kind das eigene (autologe) Nabelschnurblut nicht sichert, versäumt wichtige Gesundheitsvorsorge. Zudem erweckten einige Privatanbieter im Internet und in Informationstexten den Eindruck, als würden bei uns heute schon Kinder mit eigenen Stammzellen behandelt - was nicht der Fall ist.

"Private Banken verweisen häufig auf Tausende von autologen Stammzelltransplantationen, die in Europa jährlich vorgenommen werden", sagt etwa Privatdozent Dr. Hermann Eichler, Herstellungsleiter der Mannheimer Nabelschnurblutbank. "Aber sie verschweigen, dass diese Stammzellen nicht aus Nabelschnurblut stammen, sondern aus Knochenmark oder Blut, das dem Patienten vor einer Chemotherapie abgenommen wurde."

SIND ES DIE ZUKUNFTSAUSSICHTEN WERT, SEINEM KIND DIE EIGENEN STAMMZELLEN ZU SICHERN?
Mediziner weltweit setzen große Hoffnungen in die Stammzelltherapie, nicht nur bei der Krebsbekämpfung. Bereits heute gelingt es, Stammzellen aus Nabelschnurblut in Experimenten zu vermehren und daraus Knochen-, Fett- oder Nervenzellen entstehen zu lassen. Stammzellen scheinen sogar infarktgeschädigtes Herzgewebe reparieren zu können. Wie die Stammzellen dies anstellen, ist aber noch völlig ungeklärt.

Vielleicht erfüllen sich all die hochgesteckten Erwartungen in zehn, 20 oder 50 Jahren. Dann wäre es natürlich nicht schlecht, auf eigene Stammzellreserven zurückgreifen zu können, um sie etwa für einen Organersatz oder eine Gentherapie einzusetzen. Aber, so gibt Transfusionsmediziner Hermann Eichler zu bedenken: Werden die Präparate nach Jahrzehnten der Kryokonservierung überhaupt noch brauchbar sein? Viel mehr als 15 Jahre Erfahrung mit dem gefrorenen Material gibt es bislang nicht. Und: Wird es künftig nicht vielleicht noch andere, näher liegende Möglichkeiten geben, Stammzellen für eine Zelltherapie zu gewinnen - zum Beispiel aus dem eigenen Knochenmark, wodurch Kosten einer Lagerung wegfielen?

Unser Fazit: Wer es sich leisten kann und Nabelschurblut privat einlagern möchte, der kauft sich und seinem Kind ein wenig Hoffnung. Wer für sein Kind jedoch keine Stammzellen einfrieren lässt, ist weder geizig noch fahrlässig. Der Nutzen der autologen Therapie ist heute einfach noch sehr gering.

Sicher ist nur: In den menschlichen Stammzellen steckt ein enormes therapeutisches Potenzial. Es wird in Zukunft ganz neue Heilungschancen eröffnen. Wer also die wertvolle Substanz nicht für sein Kind einfrieren möchte, sollte sie nach Möglichkeit spenden. Zum Wegwerfen ist sie einfach zu schade.