Nabelschnurblut Vorsorge für den Ernstfall
01.07.2004
Quelle: HUMAN Das oberösterreichische Gesundheitsmagazin
Die Konservierung von Neugeborenen-Stammzellen kann eines Tages Leben
retten
Stammzellen können bei der Behandlung ernsthafter Erkrankungen lebensrettend
sein. Lag bis vor wenigen Jahren die einzige Chance in einer Knochenmarkstransplantation,
so besteht heute die Möglichkeit, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut
eines Neugeborenen zu gewinnen und durch deren Konservation bei einem
eventuellen Ernstfall passende Stammzellen zur Verfügung zu haben.
Es gehört zu den Aufgaben der Frauenärzte, werdende Eltern
rechtzeitig über die Möglichkeit der Nabelschnurstammzell-Konservierung
aufzuklären, weist Oberarzt Dr. Gerald Hartmann hin. Er ist
Facharzt für Gynäkologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern
und für Geburtshilfe am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
in Linz.
Nabelschnurblut wird nach der Geburt des Kindes aus dem abgetrennten
Teil der Nabelschnur beziehungsweise des Mutterkuchens gewonnen. Neben
reifen Blutzellen enthält es auch Blutstammzellen, die Quellen der
Bluterneuerung sind und im Kind aber auch bei Erwachsenen im Knochenmark
zu finden sind. Die Entnahme von Nabelschnurblut ist für Mutter und
Kind völlig risikolos. Die Lagerung der Stammzellen erfolgt tiefgefroren
bei einer Temperatur von Minus 196 Grad.
Nabelschnurblut statt Knochenmark
Nabelschnurblut kann daher prinzipiell anstatt Knochenmark für eine
Stammzelltransplantation eingesetzt werden. Körperfremdes Nabelschnurblut
wurde seit 1984 hauptsächlich an Kindern vielfach erfolgreich transplantiert.
Erwachsene hingegen wurden mit Nabelschnurblut bisher nur vereinzelt behandelt,
da hier die vorhandene Stammzellmenge nicht immer ausreichend ist,
informiert Oberarzt Dr Hartmann. Er weiß jedoch von viel versprechenden
Ansätzen, die eine Vermehrung der Zellen ermöglichen und somit
eine durchaus hoffnungsvolle Perspektive für die Anwendung an Erwachsenen
ergeben.
Anwendungsgebiete für eine Stammzellen-Transplantation
Der Einsatz von Nabelschnurblut erweist sich als vielseitiger als die
Transplantation von Knochenmark. Außer den Stammzellen des blutbildenden
Systems enthält es auch Vorläuferzellen von Muskeln, Knochen,
Knorpel und Lebergewebe. Gegenüber den Stammzellen erwachsener
Spender hat es den Bonus, noch weitgehende unbelastet durch Viren oder
umweltbedingt ausgelöster bösartiger Erkrankungen zu sein,
weist der Gynäkologe hin. Gewährleistet müssen lediglich
ein unauffälliges Infektions-Screening der Mutter vor der Geburt
des Kindes, sowie die keimfrei Abnahme und Lagerung des Nabelschnurbluts
sein.
Mögliche Anwendungsgebiete sind die Transplantation von Stammzellen
nach Hochdosis-Chemotherapien von Tumoren, bei Leukämien und bösartigen
Erkrankungen der Lymphknoten. Erste Erfahrungen wurden zuletzt auf dem
Gebiet der Autoimmunerkrankungen gesammelt.
Heilung des geschädigten Herzmuskels nach Infarkt
Weil aus den so genannten pluripotenten Stammzellen von Nabelschnurblut
auch bestimmte Körpergewebe gezüchtet werden können, ist
ihr Einsatz auch zur Regeneration von krankhaft veränderten Strukturen
denkbar. Mögliche Einsatzgebiete sind die Heilung des infarktgeschädigten
Herzmuskels, die Neubildung insulinproduzierender Zellen der Bauchspeicheldrüse
bei Diabetes oder auch der Wiederaufbau von Knochen bei Osteoporose.
Zusätzlich zu den Blutstammzellen enthält das Nabelschnurblut
auch so genannte dentritische Zellen, die ein essentielles
Instrumentarium bei der in Erforschung stehenden Krebsimpfung
darstellen. Bei den dentritischen Zellen handelt es sich um hoch immunogene
Zellen, die unserem Immunsystem helfen, Tumorzellen zu erkennen und anzugreifen.
Eine Grenze der Möglichkeiten ist derzeit nicht abschätzbar,
betont Dr. Hartmann.
Unentgeltliche Lagerung bei öffentlicher Blutbank
Nabelschnur-Stammzellen können unentgeltlich in einer öffentlichen
Blutbank (Informationen beim Roten Kreuz) oder auf privater Basis zu eigenen
Kosten eingelagert werden. Die Entscheidung, ob sie im Bedarfsfall ausschließlich
zur persönlichen Verwendung (autolog) eingesetzt werden oder auf
sie bei Notfällen auch allgemein (allogen) zurückgegriffen werden
kann, muss den Eltern freigestellt werden. Diesen sollte bewusst sein,
dass es sich bei der Einlagerung der Nabelschnur-Stammzellen ihres Kindes
um eine Investition in die Zukunft handelt. Die Wahrscheinlichkeit, dass
sie diese biologische Lebensversicherung auch jemals in Anspruch
nehmen, bezeichnet Dr. Hartmann als sehr gering. Von medizinischer Sicht
keimen jedoch große Hoffnungen, dass die erhofften Einsatzgebiete
und Erwartungen auch erfüllt werden können.
Expertentipp
Dr. Gerald Hartmann, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
1. Informieren Sie sich umfassend bei Ihrem Gynäkologen, dem Roten
Kreuz oder im Internet.
2. Entscheiden Sie sich vor der Konservierung für eine persönliche
oder eine allgemeine Verwendung.
3. Besprechen Sie mit Ihrem Frauenarzt in Ruhe den konkreten Ablauf.
4. Erkundigen Sie sich, ob die Abnahme und Gewinnung der Nabelschnurstammzellen
an der geplanten Geburtenstation möglich ist.
5. Suchen Sie einen verlässlichen und transparenten Partner zur Einlagerung.
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