Stammzelltherapie bei Herzerkrankungen
22.06.2004
Quelle: Jatros Kardiologie
Trotz enormer medizinischer Fortschritte sterben mehr als die Hälfte
der Patienten mit Herzversagen innerhalb von fünf Jahren nach Diagnosestellung.
Die zelluläre Kardiomyoplastie - die intramyokardiale
Transplantation verschiedener Zelltypen zur Verbesserung der Herzfunktion
ist ein viel versprechender Ansatz sowohl zur Vermeidung als auch
Behandlung von Herzversagen. Stammzellen werden im Rahmen klinischer Studien
schon jetzt beim Menschen angewandt; erste Ergebnisse stimmen optimistisch.
Hintergrund
Die Komplikationen des Herzinfarktes, insbesondere das terminale Herzversagen,
zählen zu den bedeutendsten Gesundheitsproblemen weltweit. Während
es auf der einen Seite durch enue Therapiemöglichkeiten zu einer
signifikanten Abnahme der Mortalität kam, ist andererseits die Inzidenz
von Herzversagen bei überlebenden Patienten dramatisch angestiegen.
Die therapeutischen Möglichkeiten bei Patienten mit Herzversagen
sind extrem limitiert. Die Stammzelltherapie stelle einen neuen Ansatz
dar. Es ist zu erwarten, dass diese in absehbarer Zeit einen festen Platz
in der Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen einnehmen wird.
Linksherz-Remodeling nach Herzinfarkt
Nach einem Infarkt kommt es zum Umbau des Herzens, dem Remodeling, das
durch progressive Expansion des Infarktgebietes und Dilatation der Herzkammern
mit Ersatz des angrenzenden Myokards durch Bindegewebe gekennzeichnet
ist. Die Gefäßneubildung im geschädigten Areal reicht
nicht zur Versorgung der kompensatorisch hypertrophierenden Myozyten.
Der relative Mangel an Sauerstoff und Nährstoffen führt zum
Untergang von viablem Myokard im Randgebiet der Schädigung und einer
Ausweitung der Narbe. Da die späte Reperfusion des Infarkt-Gefäßbettes
das Remodeling und Überleben positiv beeinflusst, wurde postuliert,
dass eine verstärkte Neugefäßbildung im Infarktareal durch
Verhinderung der Apoptose hypertrophierter Myozyten die Herzfunktion verbessert.
Reparaturmechanismen des Herzens
Die DNA-Synthese von Herzmuskelzellen läuft hauptsächlich in
utero ab, mit einem Rückgang der Proliferationsrate von 33 % in der
Mitte der Schwangerschaft auf 2 % zum Zeitpunkt der Geburt. Obwohl die
meisten Myozyten terminal differenziert zu sein scheinen, gibt es eine
Fraktion jüngerer Zellen (15-20%), welche die Fähigkeit zur
Replikation behält, wobei Mitoserate in Reaktion auf eine Ischämie
erhöht ist. Dabei kommt es zu einer Dissoziation zwischen Karyokinese
und Zytokinese, was zu einer Hypertrophie und nicht Hyperplasie der Kardiomyozyten
führt.
a. Adulte Stammzellen
Zur Reparatur und Regeneration von ischämisch geschädigten Myokard
bedarf es zweier unabhängiger Prozesse: (a) Entwicklung eines Netzwerkes
von Blutgefäßen für die Versorgung des Infarktgebietes
mit Sauerstoff und Nährstoffen und (b) eine erneuerbare Quelle von
funktionellen Herzmuskelzellen. Dazu braucht es sowohl endotheliale als
auch mesenchymale Stammzellen.
Endotheliale Progenitoren
Peripheres Blut, die Nabelschnur und das Knochenmark enthalten eine kleine
Population von endothelialen Progenitoren (Angioblasten), welche sowohl
in vitro als auch in vivo in reife Endothelzellen differenzieren. Der
Phänotyp und die funktionellen Eigenschaften sind ähnlich wie
bei fetalen Hämangioblasten. Injektion dieser Zellen in das Infarktareal
induzierte Neoangiogenese, was zur Verhinderung der Apoptose hypertrophierter
Myozyten im Periinfarktareal zu einer signifikanten Reduktion von Kollagenablagerungen
sowie einer anhaltenden Verbesserung der Herzfunktion führt.
Mesenchymale Stammzellen
Sowohl aus dem murinen wie humanen Knochenmark konnten multipotente Stammzellen
mit dem Potenzial, Zelltypen verschiedener Gewebe, u.a. Herzmuskel, zu
bilden, isoliert werden. Kehat et al. gelang die Kultivierung von Herzmuskelzellen
aus menschlichen embryonalen Zellen. Orlic publizierte zwar im April 2001
in Nature, dass intramyokardial injizierte Stammzellen neben Endothelzellen,
glatten Muskelzellen und Fibroblasten auch Herzmuskelzellen bilden und
so nach Herzinfarkt zur Regeneration des Myokards führen. Diese Arbeit
wurde in der Fachwelt immer wieder heftigst diskutiert. Am 22. März
2004 erschienen ebenfalls in Nature zwei Publikationen, die diese Ergebnisse
von Orlic widerlegen und zeigen, dass im gleichen experimentellen Setup
hämotopoietische Zellen keineswegs Muskelzellen bildeten. Die Funktion
des Herzens besserte sich aber auch in diesen Untersuchungen und zwar
durch die Bildung neuer Gefäße.
b. Embryonale Stammzellen
Obwohl die Erforschung dieser Zellen noch in den Kinderschuhen steckt,
gibt es auf diesem Gebiet bereits beachtliche Erfolge. Es konnten Stammzelllinien
etabliert werden, außerdem gelang in vitro die Differenzierung von
Zelltypen verschiedenster Gewebe inklusive Herzmuskelzellen. Ein Hindernis
für eine klinische Anwendung stellen die immunologischen Unterschiede
embryonaler Stammzellen dar sowie deren potenzielle Karzinogenität.
c. Gewebestammzellen
Kardiomyozyten, Fibroblasten, Myoblasten
Für die zelluläre Kardiomyoplastie stehen weiters Kardiomyozyten,
Fibroblasten sowie Myoblasten zur Verfügung. Kardiomyozyten fügen
sich nach Transplantation in das geschädigte Myokard, nicht in die
Struktur des Herzens ein. Fibroblasten führen zu einer Verstärkung
der Narbe und verhindern so das kardiale Remodeling. Myoblasten (Satellitenzellen)
finden sich in der Basalmembran adulter Skelettmuskulatur. Die Verwendung
dieser Zellen ist weder einethisches noch immunologisches Problem.
Anwendungswege von Stammzellen
Stammzellen können bis zu einem gewissen Volumen direkt in den Herzmuskel
eingebracht werden. In Antwort auf eine Ischämie kommt es durch Hochregulation
von Zytokinen und Chemokinen zur Mobilisation von Zellen aus dem Knochenmark
und Migration in das geschädigte Gewebe. Eine zusätzliche Verabreichung
von Wachstumsfaktoren kann diesen Effekt verstärken und die Regeneration
des Herzens induzieren.
Stammzell-Therapie in der Klinik
Stammzellen werden seit einigen Jahren in ersten, nicht randomisierten,
klinischen Studien getestet, wobei bisher Patienten mit akutem Myokardinfarkt,
Angina pectoris oder chronischer Sichämie inkludiert wurden. Erste
Ergebnisse stimmen optimistisch. Die Injektion von autologen AC133+ mononukleären
Knochenmarkszellen (eine Zellfraktion, die Hämangioblasten und multipotente
Stammzellen enthält) während einer aortokoronaren Bypassoperation
in die Periinfarkt-Zone führte zu einer signifikanten Verbesserung
der klinischen Leistungsfähigkeit, Verbesserung der Myokardperfusion
und einer Erhöhung der Auswurfleistung. Die Limitationen der bisher
publizierten Studien sind das Fehlen einer Kontrollgruppe und der Randomisierung.
Die intramyokardiale Therapie hat zu keinem nennenswerten Nebenwirkungen
geführt, insbesondere nicht zu einer Verschlechterung der Pumpfunktion.
Auf der anderen Seite reichen aber die bisher publizierten Daten noch
nicht aus, um die Wirksamkeit der Therapie zweifelsfrei zu beweisen. Die
im März 2004 publizierte MAGIC-Studie zeigt, das Stammzellinjektionen
in die Koronargefäße zwar zu einer Besserung der Herzfunktion
und der klinischen Beschwerden führen gleichzeitig aber eine erhöhte
Rate an In-Stent-Restenose zur Folge haben. Aus diesem Grunde wurde die
Studie gestoppt. Autologe Myoblasten aus der quer gestreiften Muskulatur
wurden ebenfalls in klinischen Phase-I-Studien bei Patienten nach Herzinfarkt
entweder im Zuge deiner Bypassoperation oder über einen Katheter
implantiert. Dies führte zu einer Verbesserung der Kontraktilität
mit einer Erhöhung der Auswurfleistung und Reduktion der klinischen
Symptome. Histologische Analysen zeigen, dass nach Monaten nur ein kleiner
Prozentsatz dieser Zellen überlebt und diese sich in Myotubes differenzieren.
Klinisch symptomatische Arrhythmien, vor allem innerhalb der ersten Wochen
nach Zelltransfer, stellen ein ernsten Problem bei Myoblastentransplantation
dar.
Zusammenfassung
Es gibt also überzeugende Beweise für das Potenzial von Stammzellen,
geschädigtes Myokard zu regenerieren, Gefäßneubildung
zu induzieren und die Herzfunktion zu verbessern. Sorgfältig geplante
Studien sind notwendig, um weitere wichtige Fragen zu beantworten: Dauer
der positiven Effekte, unerwünschte Nebenwirkungen, Steigerung der
Effizienz, Applikationsweg der Zellen, Zellzahl, -typ. Zeitpunkt der Intervention
etc. Die Antwort auf all diese Fragen ist nicht nur von akademischem Interesse,
sondern für alle Patienten, die an Herzversagen, der führenden
Ursache von Morbidität und Martolität in der industrialisierten
Welt, leiden, von größter Wichtigkeit.
Autoren:
Univ.Prof. Dr. Alfred Kocher
Universitätsklinik für Chirurgie, Abt. Herz-Thoraxchirurgie,
Universität Wien
Dr. Nikolaos Bonaros
Universitätsklinik für Chirurgie, Abt. Herz-Thoraxchirurgie,
Universität Innsbruck
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