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Meine Buben sind Fremde

Quelle: WOMAN

Jedes zehnte Kind ist nicht vom vermeintlichen Vater. In WOMAN: das Schicksal eines betrogenen Ehemannes ...

Er benimmt sich wie jeder andere Vater auch. Stolz und voller Liebe. Aus der aufgeklappten Innenseite seiner Brieftasche lachen zwei fröhliche Bubengesichter heraus. „Das ist der Marcel. Und das, das ist der Lukas“ deutet Johann M., 36, auf die bunten Passfotos. „Ich war bei ihren Geburten dabei – meine Güte, war ich glücklich. Glücklich ist Johann M. schon lange nicht mehr. Marcel und Lukas trägt er immer bei sich, im Geldbörsel und im Herzen – gesehen hat er sie schon Jahre nicht. Er ist ihr Vater, bloß nicht ihr leiblicher, bloß nicht auf dem Papier. Während der erfolgreiche Handelsvertreter einen nervösen Zug von seiner Zigarette nimmt, erzählt er von jenem Moment, als es ihm den Boden unter der Füßen wegriss. Vom Moment, als er nicht mehr wusste, was ist wahr und was bloß Lüge...

Nichts ist, wie es war.
Sieben Jahre lang lebte er „in einer besonders glücklichen Ehe, wie ich damals noch glaubte“. Bis ihn plötzlich eine „Freundin“ über die Männerbekanntschaften seiner Exgattin aufklärte: „Der Marcel war damals gerade vier, der Lukas zwei Jahre alt.“ Seine Frau gab alles zu, er wollte ihr verzeihen, vor allem seinen Kindern zuliebe. „Ein paar Wochen später warf sie mir dann bei einem Streit an den Kopf, dass ich wahrscheinlich eh nicht der Vater der Kinder sei.“ Der Name eines Bekannten fiel: „Aber ich wollte es immer noch nicht glauben.“ Ein von ihm gerichtlich beantragter Vaterschaftstest (damaliger Kostenpunkt: 40.000 Schilling) brachte Gewissheit: Der biologische Vater war der andere. Trennung, Tränen, Scheidung: „Der leibliche Vater zahlte zwar ab diesem Moment für die Kinder Unterhalt, hat aber bis zum heutigen Tag keinen Kontakt zu ihnen“, sagt Johann. Er aber, der die Buben über alles liebt, hatte von einem Tag auf den anderen keine Vaterrechte mehr, durfte sie kaum mehr sehen. „Da fiel ich in die tiefste Depression meines Lebens. „Und mit ihm litten die Kinder.

„Kuckuckskinder“
Johann ist mit seinem Schicksal kein Einzelfall. Internationale Studien belegen es, Richter und Staatsanwälte wissen es schon längst aus ihrer Praxis: Jedes zehnte in der Ehe geborene Kind hat einen anderen biologischen Vater. Und was früher durch komplizierte und teure serologische Tests analysiert wurde, kann heute von jedermann kostengünstig und schnell zuhause durchgeführt werden. Seit kurzem bietet die Grazer Firma „EccoCell“ den „ID-Check Vaterschaftstest“ für 15 Euro in der Apotheke an (die Auswertung schlägt dann allerdings mit 550 Euro zu Buche). Diese Art von DNA-Test ist nicht nur verhältnismäßig billig, sondern auch einfach und zu 99,9 % sicher. Speichelabstriche der Mundschleimhaut von Vater, Mutter und Kind werden – zusammen mit einer schriftlichen Einwilligung beider Elternteile – an ein Labor geschickt. Nach drei bis sieben Tagen erhält man das Ergebnis – und hat die Gewissheit. EccoCell-Geschäftsführer Herbert Puhl gegenüber Woman: „Will man das Testergebnis auch vor Gericht verwenden, muss während des Tests einer unserer gerichtlich beeideten Sachverständigen, ein Arzt oder ein Rechtsanwalt, dabei sein.“ Seit der Markteinführung vor drei Wochen wurden bereits über 200 Stück des Selbsttests verkauft.

Echte Vaterliebe
Für Johann M. hat das Testergebnis schon längst keine Bedeutung mehr. „Für mich ist es im Prinzip egal, ob ich der biologische Vater bin oder nicht. Es kommt nicht auf den Erzeuger an, sondern auf die Lebe. Und ich liebe die Buben wie meine Eigenen. Und das wird immer so bleiben. Nur leider darf ich sie schon seit Jahren nicht mehr sehen...“

Keine Rechte
Nach der Scheidung durften Marcel und Lukas noch jedes Wochenende bei Johann verbringen. „Aber als meine Exfrau dann einen neuen Partner fand, war auch das vorbei. Das war das Schlimmste überhaupt.“ Johann wollte das Besuchsrecht gerichtlich durchsetzen, hatte aber als Nicht-Vater überhaupt keine Chance mehr. Über Nacht war er vom Gesetz her zu einem rechtlosen Fremden geworden. Ich wäre sogar bereit gewesen, Alimente zu zahlen, nur um auf die zwei nicht verzichten zu müssen – keine Chance...“

Die Gesetzeslage
Johann M. hat „keine Chance, ein Besuchsrecht durchzusetzen“, bestätigt auch die Wiener Anwältin Heidi Bernhart gegenüber WOMAN. „Für die Väter ist die Situation fatal. Sie können zwar von der Mutter Geld zurückverlangen, aber trotz jahrelanger Beziehung zu den Kindern ergeben sich daraus keinerlei Rechte.“ Bis zu drei Jahren kann der betrogene Mann Unterhaltszahlungen zurückverlangen, die Höhe wird nach dem Einkommen berechnet. Heidi Bernhart: „Auch wenn der Vater auf die Täuschung erst aufmerksam wird, wenn das Kind bereits sechs Jahre alt ist, kann er nur für die vergangenen drei Jahre Geld zurückverlangen. Die Vortäuschung einer Vaterschaft (laut Gesetzbuch fällt dieses Delikt unter „Täuschung über Tatsachen“) ist ein schwerer Betrug. „Also ein Offizialdelikt, das gerichtlich strafbar ist und sogar mit Freiheitsstrafe geahndet werden könnte...“, so die Anwältin. Kinder die während einer aufrechten Ehe gezeugt werden (aber eben nicht vom Ehemann!), sind per Gesetz fürs Erste einmal ehelich. Nur eine Scheidung und eine Vaterschaftsklage bringen da rechtlich klare Verhältnisse. Völlig rechtlos bleiben stets die Kinder. Selbst wenn diese im Rahmen eines Verfahrens den Wunsch äußern, Kontakt zu jenem haben zu wollen, der ihnen über Jahre hindurch Vater war, sind sie chancenlos, wenn die Mutter dies unterbinden will. Johann M. verließ seinen niederösterreichischen Heimatort, als seine Exfrau dann jeden Kontakt zu den Kindern verbieten ließ: „Es hat mich nichts mehr gehalten. Im Ort sprach sich die Geschichte schnell herum. Ich hatte das Gefühl, heder starrt mich mitleidig an. Ich wollte nur noch weg.“ Leibliche Kinder wird Johann M. niemals haben können. Bei einer späteren Untersuchung stellte sich seine Unfruchtbarkeit heraus. Eine neue Liebe hat er gefunden. Aber die Buben fehlen ihm unendlich: „Ich fühle mich als ihr Vater und hoffe, dass sie den Weg zu mir finden, wenn sie größer sind.“ Vor drei Jahren traf er Marcel, heute 12, zufällig in einem Einkaufszentrum. Er lief auf ihn zu und schrie: Papa, Papa ...“

Von Brigitte Hicker, Tatjana Swoboda, Katrin Kuba